Darf Kunst provozieren?
Das dritte Nationale Symposium zur 9. Kunst, das am 28. November 2025 im Kunstmuseum Basel stattfand, machte deutlich, dass Comic, Illustration und zeichnerische Erzählformen heute weit mehr sind als blosse Unterhaltung oder Randerscheinungen der Kultur. Unter dem Titel «Die Welt auf Papier – le monde sur papier» versammelten sich über 180 Fachpersonen, Kunstschaffende, Forschende und Interessierte, um gemeinsam der Frage nachzugehen, wie Zeichnung und Narration unsere Gegenwart sichtbar machen, kommentieren und herausfordern können.
Das Symposium wurde gemeinsam vom Cartoonmuseum Basel, der Hochschule Luzern – Design Film Kunst und der Christoph Merian Stiftung organisiert und verstand die 9. Kunst als eine Form des Denkens in Bildern: als eine Praxis, die gesellschaftliche Spannungen nicht nur illustriert, sondern erfahrbar macht. Gerade in einer Zeit permanenter digitaler Beschleunigung, politischer Polarisierung und globaler Krisen zeigte sich die besondere Kraft des gezeichneten Strichs. Zeichnungen verlangsamen den Blick. Sie verdichten komplexe Wirklichkeiten in Sequenzen, und eröffnen dadurch Räume für Reflexion und Kritik.
Die eingeladenen Künstler:innen und Referent:innen zeigten eindrücklich, wie Comics und visuelle Narrative auf Umweltfragen, soziale Ungleichheit, kulturelle Konflikte oder politische Gewalt reagieren. Immer wieder stand dabei die Frage im Raum, welche Verantwortung Bilder tragen und wie weit Kunst provozieren darf oder sogar muss. Diskutiert wurden Themen wie Meinungsfreiheit, Satire, Selbstzensur und die fragile Grenze zwischen Kritik und Verletzung. Besondere Aufmerksamkeit erhielt dabei auch die Rolle des Humors: Kann das Lachen entlarven, befreien oder Widerstand leisten? Oder wohnt ihm, wie Adrien Dénouette in seiner pointierten Rede ausführte, immer auch eine destruktive und destabiliserende Kraft inne?
Zeichner:innen wie Lisa Blumen und Étienne Davodeau präsentierten aktuelle Arbeiten, während der französische Verleger Sébastien Gnaedig den Comic als gesellschaftlich wirksames Medium zwischen Literatur, Journalismus und Kunst verortete. Die Karikaturistin Coco sprach über ihre Arbeit im Spannungsfeld von Satire, öffentlicher Kontroverse und politischer Zuspitzung und zeigte mit Humor und spitzer Feder, wie Zeichnung widerständig sein kann.
Ergänzt wurde das Programm durch Beiträge zahlreicher Institutionen und Initiativen wie Pro Helvetia, Réseau BD Suisse, Fumetto Comic Festival, Bolo Club oder der Comic Crew Basel. Sie vermittelten Einblicke in aktuelle Entwicklungen, Förderstrukturen und neue Perspektiven innerhalb der Schweizer Comic- und Illustrationsszene. Ein Live-Graphic-Recording von Lina Brazerol und Simon Beurret begleitete sämtliche Beiträge und machte den Tag selbst zu einem visuellen Denkraum. Im Foyer des Kunstmuseums Basel präsentierten zudem Studierende aus Luzern, Strasbourg und Genf aktuelle Arbeiten, die zeigten, mit welcher Sensibilität und Aufmerksamkeit die junge Generation gesellschaftliche Realitäten beobachtet und kommentiert.
Das Symposium 2025 machte einmal mehr sichtbar, dass die 9. Kunst heute ein eigenständiges kulturelles und gesellschaftliches Erkenntnismedium darstellt. Zeichnung und Erzählung eröffnen neue Perspektiven auf die Welt, gerade dort, wo Sprache allein an ihre Grenzen stösst. Sie schaffen Zwischenräume des Denkens, Zweifelns und Imaginierens – und erinnern daran, dass demokratische Gesellschaften auf kritische Bilder, widersprüchliche Stimmen und kreative Formen des Erzählens angewiesen sind.









