Einführungsreferat 2019

Nationales Symposium zur neunten Kunst

Ich darf Sie meine Damen und Herren, im Namen der Christoph Merian Stiftung, des Cartoonmuseum Basel und der Hochschule Luzern Design und Kunst ganz herzlich zu diesem nationalen Symposium begrüssen. Es ist das erste, das ganz der neunten Kunst gewidmet ist.

Die Christoph Merian Stiftung ist Trägerin des Cartoonmuseum Basel, das dieses Jahr sein vierzigjähriges Bestehen feiern kann. Gegründet wurde es von Dieter Burckhardt. einem Liebhaber und Sammler von Karikaturen und Cartoons. Gestartet ist es als Kabinett, als eine kleine, feine Sammlung, die sich dem eher humoristischen, unpolitischen, man könnte auch sagen harmlosen Cartoon verschrieben hatte. Die Ziele der Sammlung sahen eine Beschränkung auf Originalwerke des 20. Jahrhunderts vor, den Verzicht auf – wörtlich – „tagespolitische Schöpfungen“ und den Aufbau einer einschlägigen Bibliothek und langfristig – wiederum wörtlich – „die Schaffung eines Studienzentrums für diese Kunstrichtung“ vor.

Aus dem kleinen Kabinett, kuratiert von jüsp, Jürg Spahr, ist mittlerweile und unter der ebenso umsichtigen wie engagierten Leitung von Anette Gehrig ein veritables Museum geworden; eben das Cartoonmuseum Basel, das unterdessen internationale Ausstrahlung hat. Und es hat sich geöffnet: Es widmet sich nicht mehr nur dem Genre der traditionellen Karikaturen und Cartoons, sondern der ganzen Bandbreite von Ausdrucksformen und Medien der satirischen und narrativen Kunst: Gezeigt werden Comics, digitale Zeichnungen, Trickfilme, Videofilme mit zeichnerischen Elementen, Mangas, Collagen, plastische Figuren, Wortbilder, Schabkartons usw. 

Das Museum spricht damit wie die ganze neunte Kunst überhaupt ein breites und auch ein junges Publikum an. Und dies vor allem auch darum, weil es gesellschaftsrelevante Themen aufgreift. Die laufende Ausstellung von Victoria Lomasko Other Russia ist ein eindrückliches Beispiel dafür.

Gerade diese Ausstellung steht exemplarisch dafür, warum die neunte Kunst als Kunstform Anerkennung, Förderung und Dokumentation verdient. Weil sie nämlich nicht nur eine populäre und publikumswirksame Kunstform ist, sondern vor allem weil sie Teil einer zivilgesellschaftlichen Diskussionskultur ist und auf hoher ästhetischer Qualität gesellschaftsrelevante Themen aufgreift und popularisiert. 

Und damit ist die neunte Kunst ein Indikator für das Funktionieren einer Demokratie. Wer sie angreift, wer sie zensiert, wer sie unterdrückt, der unterdrückt das vielleicht wichtigste Menschenrecht: das der freien Meinungsäusserung und damit unsere demokratische Grundordnung. Und doch ist genau dies in der jüngsten Vergangenheit immer wieder geschehen, vom grausamen Anschlag auf Charlie Hebdo bis zum letzten und m.E. fragwürdigen Entscheid der SRF-Ombudsstelle über eine Satiresendung.

Genau aus diesem Grund setzt sich die Christoph Merian Stiftung als Trägerin des Cartoonmuseums Basel neben der nicht unbedeutenden finanziellen Alimentierung des Cartoonmuseums auch für die Förderung der neunten Kunst ein, mit Stipendien für Comiczeichnerinnen und –zeichner, mit der Finanzierung der Übernahme und Inventarisierung von Nachlässen und der öffentlichen Zugänglichmachung dieser Sammlungen.

Die Zeiten, in denen das bildungsbürgerliche Kulturverständnis populäre Kunstformen wie die Fotografie, die Rockmusik oder die neunte Kunst als niedere Kunstformen angesehen hat, sind längst vorbei.  Und trotzdem gibt es ihn noch – diesen Widerspruch – dass einerseits die kulturelle Akzeptanz der neunten Kunst längst erfolgt ist, dass aber auf der anderen Seite das Fördern, Vermitteln und Sammeln von Comics in der Schweiz weder breit abgestützt und organisiert noch institutionell anerkannt und gefördert wird. Hier möchte das heutige Symposium ansetzen.

Im Leben wie in der Politik, in der Kultur wie in der Kulturpolitik braucht es Freundinnen und Freunde, Netzwerke, Allianzen, Lobbies. Dies gilt auch für die neunte Kunst – denn sie braucht genau dies: ein nationales Netzwerk. Keiner der einzelnen Player, keiner der vielen Künstlerinnen und Künstler kann alleine der neunten Kunst zu jenem Stellenwert in der Kulturpolitik verhelfen, die sie verdient. Dieses Symposium, entstanden aus der Kooperation zwischen der Hochschule Luzern und dem Cartoonmuseum Basel soll einen Anfang für ein nationales Netzwerk werden, mit dem die unterschiedlichen fachlichen und über den Röschtigraben hinweg verlaufenden regionalen Kompetenzen für die Förderung, die Erforschung, das Sammeln und Vermitteln von Comics und narrativer Zeichnung gebündelt, koordiniert, optimiert werden können.

Dass dieses Symposium rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern mobilisieren konnte und damit quasi ausverkauft ist, ist ein kulturpolitisches Zeichen und ein wunderbarer Erfolg für diese Initiative. Ja es ist einmalig, dass heute aus allen Bereichen Fachpersonen, Zeichnerinnen und Zeichner, Vermittlerinnen und Vermittler etc. zusammen gekommen sind und sich den verschiedenen Tagungsthemen annehmen. Ich hoffe und wünsche der neunten Kunst, dass dieses Symposium ein Startschuss ist für die kulturpolitische Stärkung des Comics und für ein starkes und engagiertes Netzwerk aller Freunde des Comics.

Und wie sagte Humphrey Bogart im Film Casablanca zum Schluss:

I think this is the beginning of a beautiful friendship…

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